Wo grast meine Aktie?

Die Digitalisierung macht selbst vor Landwirten nicht halt – wie andere Branchen müssen auch sie sich an die veränderten Bedürfnisse der Kunden anpassen. Sie profitieren aber gleichzeitig von neuen Geschäftsmodellen und Möglichkeiten im Kundenkontakt. Wie innovativ Landwirtschaft sein kann, zeigt Guido Leutenegger: Der kreative Landwirt bietet Kühe als Aktien an und nutzt digitale Kanäle für die Vermarktung. Zudem werden seine mit GPS-Trackern ausgestatteten Hochlandrinder zum Anwendungsfall für das «Internet der Dinge». 

Der Landwirt Guido Leutenegger verschreibt sich der Produktion von hochwertigem Fleisch in Einklang mit der Natur. Dazu setzt er beispielsweise schottische Hochlandrinder ein, die auf ungenutzten Alpweiden grasen. «Sie sind robust, anpassungsfähig, genügsam. Man findet keine Rinderrasse, mit der man trotz kargem Futterangebot eine so tolle Fleischqualität erreicht», begründet Guido Leutenegger seine Wahl. Seit der Gründung vor 25 Jahren ist sein Betrieb «Natur Konkret» stark gewachsen: Nebst 800 Hochlandrindern weiden, suhlen und scharren ausserdem 200 Wollschweine und 3000 Hühner in Kreuzlingen sowie auf mehreren Alpweiden in den Tessiner Bergen. Die hergestellten Produkte sind mehr als nur «bio». Reichlich Auslauf und Nahrung, die auf dem natürlichen Speisplan steht, sind das Erfolgsrezept. Auf die Zugabe von Kraftfutter verzichtet Leutenegger gänzlich. 

Pouletschenkel, Eier, Entrecôtes, Würste und Hackfleisch können Kunden im Laden im Bündner Dorf Maseins beziehen. Oder im Webshop. Hier können Kunden zeit- und ortsunabhängig einkaufen und sich die Ware in der Tiefkühlbox direkt nach Hause liefern lassen. Eine Win-win-Situation: «Wir können in die ganze Schweiz liefern und müssen nicht in Ladenstandorte investieren», so Leutenegger. 

Um das Wachstum seines Betriebs zu finanzieren, bietet Guido Leutenegger Kühe als Aktien an. (Foto: Natur Konkret)

Die Kuh als Aktie

Apropos investieren. Nicht nur Vertriebskanäle sind eine erhebliche Investition für einen Landwirt, sondern auch die Tierherden. Um das Wachstum seines Betriebs zu finanzieren, hat Guido Leutenegger ein aussergewöhnliches Geschäftsmodell gewählt: die Kuh als Aktie – der Kunde als Partner.

Die Idee entstand in der Finanzkrise in einem Gespräch mit einem befreundeten Banker. Im Trubel der Finanzbranche hinterfragten Aktionäre zunehmend ihre Investitionen. Viele Käufer wussten nicht genau, was sie überhaupt gekauft hatten. «Da wir ohnehin expandieren wollten, dachte ich, muss man den Leuten vielleicht etwas Einfaches anbieten. Nämlich: investiere in eine Kuh – erhalte Fleisch», erläutert Leutenegger sein Finanzierungsmodell. So einfach, so bestechend.

Kunden können für CHF 2500 eine Kuh kaufen und bekommen anschliessend über zehn Jahre eine jährliche Dividende: Fleisch im Wert von CHF 350. «Die Einlösung der Dividende geschieht einfach und bequem über unseren Onlineshop. Der Kunde kann aus einer grossen Produktepalette frei wählen. Und den Liefertag bestimmen.» 

«Ich wollte den Leuten eine einfache Geldanlage bieten: Investiere in eine Kuh – erhalte Fleisch.»

Guido Leutenegger, Landwirt

Mehr Kundenbindung dank Kuh-Aktie

Die Kuh-Aktie hat für Guido Leutenegger unter anderem den Mehrwert von Planungssicherheit und ökonomischer Unabhängigkeit. Nicht zuletzt profitiert der kreative Landwirt von mehr Kundenbindung, da Kunden über mehrere Jahre die Auszahlung ihres Investments beziehen. Aber Guido Leutenegger geht es nicht um den Lock-in von Kunden: «Es geht darum, Kunden zu Beteiligten zu machen», so Leutenegger, «Kunden fühlen sich mit dem Betrieb verbunden.» Sie haben einen realen Anteil am Unternehmen – und zwar etwas ganz Bestimmtes, Definiertes, Physisches: ein Tier zum Anfassen.

Kein theoretisches Konstrukt wie sonst üblich am Aktienmarkt, denn die Kuh gibt es nicht nur auf Papier. Auf der Urkunde für die eigene Kuh ist eine 12-stellige Nummer notiert – die gleiche lässt sich bei seinem Tier auf der Ohrmarke erkennen. Kunden schätzen das überschaubare und nachhaltige Investment, ist sich Guido Leutenegger sicher: «Es ist ein reales Engagement in etwas, das man besuchen, anschauen und streicheln kann.»

Dank GPS-Tracking weiss der Kunden immer genau, auf welcher Alp seine Kuh gerade grast und welche Strecke sie heute bereits zurückgelegt hat. (Foto: Natur Konkret)

Die Kundenbindung scheint zu funktionieren. Aktionäre und Einzelkäufer bestellen nicht nur rege im Onlineshop, sondern machen auch kräftig Werbung für das Unternehmen und seine Produkte. Sie identifizieren sich mit dem Unternehmen und setzen sich aktiv dafür ein. Werbung und Vermarktung werden zum Selbstläufer – das zeigt zum Beispiel seine Facebook-Seite «Natur Konkret»: Kunden sprechen sich nicht nur für die leckeren Produkte aus, sondern feuern Guido Leutenegger regelrecht an und verteidigen das Unternehmen gegenüber Schlägen der Konkurrenz. Ein Paradebeispiel dafür, wie wertvoll glaubwürdige Empfehlungen und loyale Kunden sein können. 

«Es geht darum, Kunden zu Beteiligten zu machen.»

Guido Leutenegger, Landwirt

Die Kuh und IoT

Internet of Things (IoT) ist die Verbindung der digitalen und der physischen Welt. Bisher waren Menschen die einzige Verbindung dieser zwei Welten. Mit den heutigen Möglichkeiten können Dinge direkt mit dem Internet verbunden werden, zum Beispiel die Heimbeleuchtung, das Fahrrad, Regale im Supermarkt oder Küchengeräte. Oder eben Kühe. Die Universität St. Gallen erklärt Geschäftsmodelle mit IoT in einem unterhaltsamen Video.

uch im täglichen Landwirtschaftsbetrieb überzeugt Leutenegger mit zukunftsorientiertem Denken. Nach längerer Testphase sind seine ersten Kühe nun mit einem GPS-Empfänger ausgestattet. Anstatt bimmelnder Kuhglocken schmückt ein Band mit Solarzellen und GPS-Tracker die pelzigen Hälse der Hochlandrinder. Ein Business-Modell, das sich IoT (Internet of Things) zunutze macht – die Verbindung der digitalen mit der physischen Welt. Die Kuh lässt sich dank GPS-Tracker in Echtzeit übers Internet verfolgen. Der Vorteil? «Mit GPS kann die Kuh rascher gefunden werden. Es ist ganz einfach eine Hilfe für den Hirten», erklärt der Landwirt, der sich Geolocation für sein tägliches Business zunutze macht. Mit Geofencing kann man sogar noch einen Schritt weitergehen. Man definiert einen virtuellen «Zaun», und wenn die Kuh das Gebiet verlässt, wird der Hirte automatisch auf die ausgebüxte Kuh aufmerksam gemacht. Ausserdem hat ein GPS aus Tierschutzgründen Vorteile gegenüber der Kuhglocke, denn es ermögliche «Geo Aid». «Eine verletzte Kuh bewegt sich nicht mehr, man hört also auch keine Glockengeräusche», sagt Guido Leutenegger. Das GPS hingegen registriert, wenn sich die Kuh nicht mehr bewegt, und alarmiert den Hirten. Dieser kann schnell reagieren und der Kuh helfen.

Ist GPS anstatt Kuhglocke also nur ein Nutzen für den Landwirt? Keinesfalls – auch der Kunde profitiert. Dieser kann «seine» Kuh auf der Weide mit Live-Tracking verfolgen und weiss so immer genau, auf welcher Alp sie gerade grast und welche Strecke sie heute bereits zurückgelegt hat. «Damit können wir Kunden ein spezielles Erlebnis bieten. Über ihre persönlichen Login-Daten können sie den genauen Standort ihrer Kuh abfragen», sagt Guido Leutenegger zu seinem neuen Service. Das gibt den Aktionären Sicherheit, Verbundenheit und nicht zuletzt die Möglichkeit, ihr pelziges Investment kurzerhand zu besuchen. 

Landwirtschaft 4.0

(Foto: Natur Konkret)

GPS-gesteuerte Traktoren, Drohnen zur Feldüberwachung, Brunstsensor in der Kuh mit SMS-Alarm, computergesteuerte Felddüngung: In der Landwirtschaft ist der Einzug der Digitalisierung nicht zu stoppen. Diese dient in den genannten Fällen vor allem der Effizienzsteigerung – mehr Ertrag pro Fläche und Tier.

Digitalisierung bietet aber gleichermassen neue Möglichkeiten in der Kundenbeziehung. Hier profitieren insbesondere Kleinbetriebe und Nischenanbieter. Müssen sie auch: «Es gilt, den Anschluss nicht zu verlieren und Vorteile, die für den Kunden mittlerweile selbstverständlich sind, ebenfalls anzubieten», erklärt Guido Leutenegger. Denn das Kundenverhalten hat sich nicht nur gegenüber Modehändlern, Banken oder Elektronikherstellern verändert. Genauso wie andere Konsumgüter möchten Kunden landwirtschaftliche Produkte online suchen, vergleichen und kaufen – von der Couch zu Hause oder mit dem Smartphone im Zug, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Ebenso die Kunden von Guido Leutenegger: «Kundenbestellungen sowie Kundenkontakte laufen zu 90% über den Webshop und E-Mails.» 

«Es ist ein reales Engagement in etwas, das man besuchen, anschauen und streicheln kann.»

Guido Leutenegger, Landwirt

Nicht nur praktisch für die Kunden, sondern auch für Guido Leutenegger. Bestellungen werden automatisch in einem zentralen System gespeichert und zeigen die gesamte Kundenhistorie. Zudem wird er per E-Mail über eingehende Bestellungen benachrichtigt und kann diese mit dem Smartphone einsehen. Selbst wenn er gerade im Tessin auf der Alp ist.

Die Digitalisierung hilft ferner bei der Vermarktung. Website und Webshop bieten Landwirten die Möglichkeit, Produkte direkt zu verkaufen. Darauf setzt Guido Leutenegger seit Jahren – mit Erfolg. Auf der modernen Website mit Webshop finden Kunden und Investoren alle Informationen zu den Produkten und Leistungen.  

Digitalisierung: hilfreich, aber mit Grenzen

Ist Digitalisierung das Nonplusultra für alle Geschäftsmodelle? Sind physische Kommunikations-kanäle tot? Der Mensch als Arbeitskraft überflüssig? «Die Digitalisierung ist eine gute Hilfe in vielen Bereichen, aber nicht mehr», findet Leutenegger. Vieles kann digital abgebildet, gemessen oder vermarktet werden, doch der Mensch wird dadurch nicht ersetzt. «Der GPS-Tracker an der Kuh wird zum Beispiel den Alphirten nicht ersetzen», so Leutenegger.

Besonders in der Kundenbeziehung ist die Digitalisierung nicht zwingend der Weg zum absoluten Kundenglück. Denn GPS-Tracking via Browser von der Couch ist nicht zu vergleichen mit dem Erlebnis, auf einer Tessiner Alp zu stehen und sein langhaariges, krummhorniges Hochlandrind zu streicheln. Nicht umsonst kommen immer wieder Kuh-Aktionäre vorbei, um ihre pelzige Wertanlage zu besuchen. «Besucher sind jederzeit willkommen. Insbesondere während der Alpzeit ist dies ein eindrückliches Erlebnis.» 

Durch die Pacht von Tessiner Alpweiden und mit alten Hühner- und Schweinerassen setzt sich Guido Leutenegger für Biodiversität ein. (Foto: Natur Konkret)

«Die Digitalisierung ist eine gute Hilfe in vielen Bereichen, aber nicht mehr.»

Guido Leutenegger, Landwirt

Die Zukunft

Wie wird sich das Landwirtschaftsmodell in Zukunft entwickeln? Mehr Automatisierung, weniger menschliche Arbeit, mehr digitale Kontrolle, Überwachung und Planung. Die Agrarbranche hat bewiesen, dass sie in Sachen Digitalisierung gegenüber anderen Branchen keinesfalls hinterherhinkt. Vernetzte Software und IoT bleiben zentral: für die Verwaltung von Maschinen, Feldern, Tieren sowie von Lieferanten und Kunden. Kaum ein Landwirt kennt all seine Tiere beim Namen – geschweige die Kunden. Integrierte Systeme sind nicht mehr wegzudenken, insbesondere wenn es darum geht, Kunden langfristig zu betreuen, ihre Bedürfnisse zu kennen und ihnen passende Produkte und Services zu bieten.

Und wie entwickelt sich der Betrieb von Guido Leutenegger? «Unsere Geschichte ist noch lange nicht zu Ende – wir haben erst angefangen. Das Ziel ist aber nicht primär, selbst zu wachsen, sondern das Label auszubauen. Wir haben bereits 80 Bauernfamilien, vorwiegend aus dem Berggebiet im Tessin, die ebenfalls nach diesen Produktionsweisen wirtschaften.» Es geht also nicht darum, Wachstum zu erzielen, nur um grösser zu werden. Nicht nur sich selbst weiterbringen, sondern etwas für die Gemeinschaft zu erreichen und die Philosophie weiterzutragen: Nachhaltigkeit, im Einklang mit Natur und Tier.

Und natürlich bleiben glückliche Kunden oberstes Gebot. Wir dürfen gespannt sein, mit welchen innovativen Ideen Guido Leutenegger seine Investoren und Kunden in Zukunft überraschen wird.

Guido Leutenegger ist ausgebildeter Lehrer und war zehn Jahre lang Präsident und Geschäftsführer von Pro Natura Thurgau. Bereits 1990 gründete er seine Firma «Natur Konkret» mit dem Ziel, Naturschutz, Tierschutz und die Produktion von hochwertigen Nahrungsmitteln in Einklang zu bringen. Während seines langjährigen politischen Einsatzes als Kantons-, Gemeinde- und Stadtrat kümmerte er sich nebenberuflich um seine Firma und setzte sich auch politisch für Umweltthemen ein.

In seinem ersten landwirtschaftlichen Engagement ging es ihm nicht um Fleischproduktion, sondern um Biodiversität – die Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten. Eine Schuttinsel in Kreuzlingen wucherte zu und kostete die Stadt Aufwand und Geld. Guido Leutenegger setzte sich dafür ein, diese Herausforderung mit natürlichen Mitteln zu meistern: Wühlende Wollschweine und grasende Hochlandrinder verhinderten fortan die Verwilderung der Insel. Der einstige Schandfleck wurde zum Naturschutzgebiet und bietet heute Lebensraum für zahlreiche Vogelarten und Amphibien.

Ab 2003 setzte er sich vollberuflich für seinen Landwirtschaftsbetrieb ein, und seine Herden begannen stark zu wachsen. Durch die Pacht von Tessiner Alpweiden und mit alten Hühner- und Schweinerassen blieb er seinem Engagement für Biodiversität bis heute treu – und produziert gleichzeitig ökologisches Fleisch in Spitzenqualität.

Mittlerweile zählt sein Betrieb 15 Mitarbeitende und 80 Partner-Bauernbetriebe – sowie 800 Hochlandrinder, 200 Wollschweine und 3000 Hühner.
www.natur-konkret.ch