Was ein Ollie mit Innovation zu tun hat

Ein Skateboarder zeigt, wie Innovation geht: Oft führt Komplexität zu Einfachheit

Vielleicht sind Sie erstaunt, dass wir mit Rodney Mullen eine Skateboardikone als Titelhelden für unsere aktuelle «meeting BSI»-Ausgabe gewählt haben. Nun, Rodney und BSI verbindet mehr, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Wie der «Lord of the Board» neue Tricks entwickelt, was Skateboarder und die Open Source Community verbindet, woran Rodney sich misst, was ihn antreibt und welche Rolle die Kommunikation für die Innovation spielt, beantwortete der «King of Freestyle» bei einem Gastvortrag im Lemelson Center. Wechseln Sie mit uns vom Bürostuhl auf die Strasse, die Spielwiese von Rodney Mullen.

Im Alter von 10 Jahren bekam Rodney von seinem Vater sein erstes Skateboard. Im selben Jahr nahm er am ersten Wettbewerb teil und wurde Dritter. Seither hat er 36 Freestyleskateboarding-Weltmeister-Titel gewonnen und das Skaten mit der Erfindung unzähliger Tricks revolutioniert. Für Rodney ist das Skateboarden keine Sportart, sondern vielmehr eine Kunst, mit der er sich Ausdruck verleiht. Und die ihm die Chance bot, sich in einer Community zu etablieren – einer Community von Aussenseitern, wie er einer war. Die Community gibt ihm Zugehörigkeitsgefühl und Antrieb zugleich: «Das Schöne am Skateboarding ist: Wir schöpfen alle aus dem gleichen Pool und geben das, was wir entwickeln, wieder an die anderen zurück, damit sie wiederum bestehende Tricks nachahmen und weiterentwickeln können – ganz so wie die Open Source Community.»

«Wir schöpfen alle aus dem gleichen Pool und geben das, was wir entwickeln, wieder an die anderen zurück.»

Rodney Mullen

Was treibt die Community an?

Rodney Mullen erklärt

Rodney bezeichnet die Community als extrem innovativ. «Das liegt einerseits am Grundgedanken, der sich mit dem der Open Source Community vergleichen lässt. Es geht um Authentizität. Wir Skateboarder sind eine Gruppe von Menschen, die eigentlich nicht zu Gruppen gehören – wir sind Aussenseiter. Und trotzdem suchen wir eine gewisse Zugehörigkeit. Nur hat diese Zugehörigkeit ihre eigenen Regeln. In unserer Community kommt es darauf an, wie wir uns hervorheben. Wir wollen alle respektiert werden. Das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Dafür haben wir aber keine klassischen Messgrössen. Es geht nicht um die Länge oder Höhe eines Sprungs. Anders als bei den Radsportlern, die mittels Zeit gemessen werden, geht es in unserer ‹Meritocracy› darum, wie wir uns differenzieren – einerseits durch das, was wir tun, und andererseits dadurch, wie wir es tun. Wie sehr unterscheidest du dich als Individuum, durch deinen persönlichen Stil, von dem, was alle anderen tun? Möglicherweise durch das Wie. Oder durch das Wo. Oder vielleicht durch die Kombination. Es gibt unterschiedlichste Wege. In jedem von uns herrscht ein gewisser Druck, sich den Respekt der Community zu erarbeiten. Respekt verdient man innerhalb dieser Community nur, indem man sich differenziert. All die Gleichgesinnten nehmen unser Basisalphabet und erweitern es auf eine Art, die man noch nie zuvor gesehen hat. Das ist die ureigene Definition von Erfindung.»

«Wenn man etwas neues erfindet, geschieht das nie zielgerichtet oder so, wie man es sich vorstellt.»

Rodney Mullen

Wie entsteht Innovation?

Rodney vereint auf einzigartige Weise wissenschaftliche Neugier und sportliche Spitzenleistung, um Neues zu entwickeln: «Physik hat mich immer fasziniert. Elektromagnete anzufertigen oder kleine Dinge im Labor selbst zu kreieren, hat mich als Kind schon begeistert. Handkehrum liebte ich auch immer schon Sportarten wie Baseball oder Karate. Die Kombination aus Wissenschaft und Sport war perfekt für das Skateboarding, denn Skateboarding ist sehr sportlich, bot mir aber auch die Möglichkeit, ständig meine Umwelt zu nutzen – den Bordstein hinunter oder über kleine Gräben zu springen –, um Neues zu erfinden und dabei Spass zu haben. Es hat mit Physik zu tun. Die besten Skateboarder der Welt haben ein intuitives Verständnis für Hebelwirkung, Balance, Symmetrie und Physik.»

Skateboarding ist für Rodney eine der innovativ-sten Kulturen oder Subkulturen überhaupt und hat einen überproportionalen Einfluss auf die anderen Extremsportarten, wie zum Beispiel Snowboarden. «Snowboarder ‹graben› bei ihren Tricks das Board. Wieso machen sie das? Es ist ja an ihren Füssen festgemacht. Sie machen es, weil sie die Tricks der Skateboarder nachahmen. Auch die Rollerblader machen Tricks, die wir entwickelt haben. Wieso? Dafür gibt es viele Gründe – einer davon liegt in der Natur des Skateboardings: Es sind die Physik und die Mechanik beim Skateboarding, die zur Entdeckung führen. Viel eher, als wenn etwas an den Füssen fixiert ist. Wir können in Iterationen einen neuen Trick entwickeln – das können die anderen nicht.» Der Prozess, den Rodney für sich entwickelt hat, um Neues entstehen zu lassen, variiert, und es gibt seiner Meinung nach auch keine Formel. «Ich besitze Bücher über Bücher voll Formeln und Kurven – natürlich versuchen Menschen festzuhalten, wie man Neues kreiert. Aber es ist illusorisch zu meinen, dass Erfindertum fassbar ist. Jede Person ist anders, die Art, wie man etwas macht, wie man denkt und welche Erfahrung man mitbringt, bestimmt, wie man vorgeht. Man kann nur sagen: So mache ich es.» 

Was Rodney in seinem Studium der Physik gelernt hat, ist gleichzeitig eine seiner wichtigsten Erkenntnisse in Bezug auf Innovation: Dinge in ihre Einzelteile zu zerlegen. «Alles besteht aus Vektoren und Achsen. So kann ich Dinge vereinfachen. Ich betrachte nicht das Ganze, sondern die einzelnen Teile. Auch das Skaten ist eine Serie einzelner, verbundener Bewegungen. Und eins ist sicher: Sie bestehen aus Einzelteilen. Deshalb beginne ich damit, Tricks in ihre Einzelteile zu zerlegen, diese zu betrachten und die Zusammenhänge zu erklären. So werden sie vielschichtiger und verzweigter, und sie werden prüfbar. Wenn ich den einzelnen Teil verstehe und sozusagen verdaut habe, gehe ich weiter. Zum nächsten Teil oder in einen anderen Bereich. Vielleicht übe ich zuerst auf dem Flachen oder auf einem Absatz, oder ich ergänze eine Rotation. Dadurch lerne ich mehr über diesen Teil in seiner ganzen Granularität und über seine Varianten – wie Cousins in einem Stammbaum.

«Es ist illusorisch zu meinen, dass Erfindertum fassbar ist.»

Rodney Mullen

Rodney Mullen mit Skateboard Gruppe

Wenn man etwas Neues erfindet, geschieht das nie zielgerichtet oder so, wie man es sich vorstellt. Neues entsteht in der peripheren Sicht. Und deshalb empfehle ich: Begib dich in einen Kontext, mit dem du nicht vertraut bist. Und dort machst du etwas, das du schon kannst. Versuche nicht, etwas Neues zu erzwingen. Mach das, was du wirklich gut kannst, und dann wird sich das mit einer der Varianten eines anderen Einzelteils verknüpfen; etwas das zusammenpasst. Und es wird etwas entstehen, was man nicht erwartet hat. Das ist diese periphere Sicht, wie ich sie nenne, die beschreibt, dass nichts Neues passiert, wenn man direkt draufstarrt. Oder anders gesagt: Wenn ich mir genau vorstelle, was ich machen möchte, ist das Resultat selten kongruent mit meinen Gedanken. Es ist viel eher ein Prozess. Ich gehe hinaus und mache etwas. Merke, dass es nicht funktioniert, und lasse etwas Besseres entstehen, einfach durch das Gefühl, wie es gemacht werden sollte. Dadurch verbinden sich ansonsten entkoppelte Bewegungen. Es entstehen Verbindungen, die man nie sehen würde.»

Gemäss Rodney sind einige der einflussreichsten Innovationen in neuen Umgebungen entstanden: «Der Kontext verändert unser Verhalten. Daher stelle ich mir immer die Frage: Wie mache ich den gleichen Trick in einer anderen Umgebung? So kann ich aus dem Pool der Community schöpfen, lernen und weiterentwickeln. 

Ich kann aber auch anderen Skatern bei den Basisbewegungen zusehen. Manche stehen auf dem Board wie ein fest verwurzelter Baum. Einfach anderen Skatern dabei zuzusehen, wie sie einfache Tricks machen, öffnet neue Türen – und die Möglichkeiten multiplizieren sich, Skateboarding auf ein neues Level zu bringen. Das ist phantastisch! Zum Beispiel hat die Beobachtung und Verbesserung von einfachen Techniken, wie zum Beispiel ‹mit welcher Haltung minimiert man Bewegung?› grosse Entwicklungsschritte im Skateboarding ermöglicht.»

Keine Innovation ohne Kommunikation

Rodney Mullen gibt Unterschrift

In seiner Bescheidenheit und seinem Antrieb, in der Community Herausragendes zu leisten, begeistert und inspiriert Rodney Millionen. Diese Begeisterung beruht nicht zuletzt auf seinem Kommunikationstalent. «Es ist bestimmt nicht so, dass ich schlauer bin als andere. Auch gibt es andere Typen, die ein besseres Gefühl fürs Skaten haben als ich. Aber ich habe die Gabe, zu kommunizieren und damit die Fähigkeit, das Gefühl in Winkel und Design zu übersetzen – in Ingenieurssprache zu sprechen, in Mustern. Das war die Basis für unseren Erfolg. Ich habe das Gespür und kann es in eine Sprache von Winkel, Masse, Dichte usw. übersetzen. Die Fähigkeit, diese Kluft zu überbrücken, ist unglaublich hilfreich, wenn es darum geht, Ideen auszuformulieren und Innovationen zu beschreiben – sowohl bei Tricks als auch bei Produkten.

Viele haben die Fähigkeit, Produkte zu entwickeln, aber ihnen fehlt das Gefühl. Andere haben wieder ein gutes Empfinden, können aber nichts entwickeln. Diese Brücke macht den grossen Unterschied, wenn es um echte Innovationen geht.»

Auf die Frage, ob man diese Brücken auch gezielt schlagen kann oder ob sie nur organisch entstehen, antwortet Rodney: «Im Schaffensprozess ist im Grunde alles zu einem gewissen Grad analytisch. Es geht darum, Fehler zu erkennen und zu beheben. Die Rolle der Innovation in unserer Gesellschaft – und ich betrachte die Gesellschaft durch die Brille des Skateboarding – ist es, Fehler zu entdecken und Synergien zu schaffen, indem man Dinge aus einer anderen Perspektive betrachtet. Dinge vereinfachen – und nicht verkomplizieren. So, wie es Apple macht. Ich denke, Steve Jobs hatte diese Fähigkeit. Zusammengefasst würde ich es so formulieren: Oft führt Komplexität zu Einfachheit. Aber im Allgemeinen geht es einfach darum, Lücken zu füllen, um etwas geradliniger, effizienter zu machen. Als Kind zog mich Skateboarding an, weil ich mich ausdrücken konnte, und ich wollte nicht beurteilt werden. Aber es gab sehr viel Druck von aussen. Oft musste ich mir anhören, dass ich mein Leben vergeude und als Penner enden würde. Jetzt bin ich hier, im Smithsonian, und die Forscher interessieren sich für mich und was ich gemacht habe – das ist das Extremste, was mir passieren konnte, und die grösste Ehre, die ich mir vorstellen kann.»

«Es geht darum, Fehler zu erkennen und sie zu beheben.»

Rodney Mullen

Rodney Mullen

Rodney Mullen Portrait

Rodney Mullen (*17. August 1966 in Gainesville, Florida) ist der bekannteste Skateboarder der Welt. Der 36-fache Freestyleskateboarding-Weltmeister gilt als «Godfather of Streetskating». Er hat unzählige Skateboardtricks, u.a. den «Flat Ollie», den «Kickflip», den «Darkslide», den «Heelflip», den «360 Flip» sowie eine Technik namens «Late Flip» erfunden. Rodney ist aber nicht nur ein grandioser und in seiner Flexibilität und Bandbreite an Tricks und Combos bis heute unübertroffener Skater. Er vereint naturwissenschaftliches Wissen und sportliches Können, um Neues hervorzubringen. Was Unternehmen und jeder von uns von Rodney zum Thema Innovation lernen können, teilte der Streetskating-Pionier im Rahmen eines Vortrags im Lemelson Center for the Study of Invention and Innovation mit Studierenden. Wir haben in dieser «meeting BSI»-Ausgabe die Kernaussagen dieses Auftritts für Sie zusammengefasst, weil uns Rodney inspiriert hat. Auch innerhalb von BSI agieren verschiedene extracurriculäre Champions – Surfer, Snowboarder, Kickboxer, Nationaltrainer und musikalische Talente –, die ihre ausserordentlichen Erfahrungen und Kenntnisse ins Unternehmen einbringen. Wir sind eine kreative Melange, die ein gemeinsamer Nenner eint: Wir lieben, was wir tun. Und das, was wir tun, wollen wir ständig optimieren, weiterentwickeln und noch einfacher machen.

Lemelson Center for the Study of Invention and Innovation

Das Lemelson Center produziert Bildungsprogramme, populäre und wissenschaftliche Publikationen, Ausstellungen, Symposien und Podcasts über Erfindungen. Die Aufgabe des Lemelson Center ist es, Informationen über Erfindungen und Innovationen zu dokumentieren, zu interpretieren und zu verbreiten, um die erfinderische Kreativität bei jungen Menschen anzuregen und Anerkennung für die zentrale Rolle von Erfindungen und Innovationen zu fördern. Das Center bietet Langzeitbetrachtungen über den Einfluss von Erfindungen auf Bereiche der amerikanischen Gesellschaft an. Die Programme umfassen ein jährliches Symposium, Präsentationen, Gastredner und Veröffentlichungen. Darüber hinaus organisiert das Lemelson Center Wanderausstellungen, bietet Forschungsmöglichkeiten und Stipendien für Wissenschaftler. Nähere Infos: invention.smithsonian.org