Nur die Dummen unterschätzen die Netten

Die Aufforderung, nett zueinander zu sein, klingt herzig. «Seid nett zueinander», das sagt man zu kleinen Kindern, die sich im Sandkasten gegenseitig das Schäufelchen aus der Hand reissen oder auf dem Pausenplatz die Mütze vom Kopf. Und tatsächlich scheint es zum Erwachsenwerden zu gehören, weniger nett zu sein.

«Es gibt keine einzige Untersuchung, die beweist, dass es sich lohnt, ein Rüpel zu sein. Aber es gibt unzählige Untersuchungen, die das Gegenteil beweisen.» BSI Geschäftsführer Markus Brunold (links) und sein Amtsvorgänger Christian A. Rusche am Event der BSI Jubilare im Badener Wald.

Das Nettsein zu unterschätzen wäre ein Fehler. Ignorant. Und ja, sogar ziemlich dumm. Die renommiertesten Universitäten der Welt, Yale, Stanford und die Harvard Business School etwa, beschäftigen sich seit Jahren wissenschaftlich damit – und bei Weitem nicht nur an den Lehrstühlen der Psychologie, sondern auch und vor allem an jenen der Ökonomie.

Die zahlreichen Studien, die dazu gemacht worden sind, sind in ihrem Resultat eindeutig: Es lohnt sich, nett zu sein. Oder wie es Wirtschaftsprofessor Robert R. Sutton ausdrückt, der sich in Stanford seit Jahren mit dem Thema beschäftigt und zwei populärwissenschaftliche Bestseller darüber geschrieben hat: «Es gibt keine einzige Untersuchung, die beweist, dass es sich lohnt, ein Rüpel zu sein. Aber es gibt unzählige Untersuchungen, die das Gegenteil beweisen.»

Kluge Firmen wissen das.

Es gibt aber nicht sehr viele kluge Firmen. Professorin Christine Porath von der Universität Georgetown beschrieb 2015 in einem Artikel in der «New York Times», dass die Zahl der Klagen von Arbeitnehmenden, die unter dem Verhalten von Kolleginnen und Kollegen im Büro litten, seit Jahren stetig zunehme: 1998 habe noch ein Viertel der Befragten erklärt, einmal in der Woche rüde behandelt zu werden. 2005 habe sich die Zahl beinahe verdoppelt, und 2011 sei es bereits über die Hälfte gewesen, die darüber klagte.

«Man sollte keinesfalls den Fehler begehen und Freundlichkeit mit Schwäche verwechseln.»

Robert I. Sutton, Wirtschaftsprofessor und Autor von «Der Arschloch-Faktor»

Warum sich Nettsein lohnt

Dabei würde es sich gerade bei der Arbeit lohnen, nett miteinander sein. Die Überlegung dahinter hat nicht einmal mit Moral oder einer vornehmen Geisteshaltung zu tun, sondern mit einer simplen Rechnung: Es lohnt sich, weil man im Büro längerfristig miteinander zu tun hat und somit zwangsläufig aufeinander angewiesen ist. Es ist bei der Arbeit nicht wie in einer Schlange am Flughafen, wo man vordrängeln kann im Wissen darum, dass man jenen, denen man gerade ziemlich dreist den Weg abgeschnitten hat, vermutlich nie wieder begegnen wird, wo man sicher sein kann, dass das unhöfliche Verhalten keine Konsequenzen hat.

Die Zusammenarbeit im Büro indes, acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, bedingt ein Mindestmass an gegenseitiger Fairness, einen angenehmen Umgang, damit der Alltag erträglich wird. Firmen sollten ein Interesse daran haben, denn nur wenn alle an einem Strick ziehen, lassen sich gute Ergebnisse erzielen.

Aber eben: Sie sind verbreitet, die Kolleginnen und Kollegen, die einem die Freude an der Arbeit vermiesen, indem sie dauernd schlecht über andere reden, bösartig sind, Ideen klauen oder intrigieren. Dass sie eher mehr als weniger werden, wundert Professor Sutton nicht. Er hatte als angesehener Akademiker sieben Bücher über sein Fachgebiet Management geschrieben. Aber als er vor elf Jahren in einem erfrischenden Blogbeitrag ausführte, wie ärgerlich und mühsam die immer zahlreicheren Grobiane sind, mit denen man sich im Job herumschlagen muss, erhielt er so viele Rückmeldungen, dass er beschloss, dem Thema ein ganzes Buch zu widmen.

«Wir finden, dass Grobiane einer effektiven Teamarbeit schlicht zu sehr schaden. Das gilt übrigens auch dann, wenn der Grobian fachlich brillant ist.»

Rees Hastings, Netflix-CEO

Die finanziellen Folgen des Nichtnettseins

Es hiess, überaus unakademisch, «Der Arschloch-Faktor: Vom geschickten Umgang mit Aufschneidern, Intriganten und Despoten im Unternehmen». Sutton zeigte darin unter anderem auf, welche immensen finanziellen Folgen die jerks verursachen. Die Gesamtsumme bezifferte er allein für die USA auf 24 Milliarden Dollar jährlich; die unfassbar grosse Zahl setzt sich zusammen aus den Kosten der Absenzen derer, die wegen der Rüpel psychisch und physisch erkranken, den daraus resultierenden Gesundheitskosten, der nachweislich sinkenden Leistungsbereitschaft und Produktivität.

Professor Sutton ist nun «the asshole-guy», was ihm etwas missfällt, er aber mit Humor nimmt. Er hatte mit seinem Buch einen Nerv getroffen, und zwar einen derart überreizten, geradezu freiliegenden Nerv, dass er auch noch elf Jahre später regelmässig Dankes- und Gratulationsmails erhielt – und vor allem verzweifelte Post, in der er um Rat gefragt wurde, was zu tun sei, wenn man gezwungen ist, mit einer jener Personen zusammenzuarbeiten, die Sutton in seinem Buch so treffend beschreibt. Die Not schien gross, weshalb er 2017 einen Nachfolgeband herausgab: «The Asshole Survival Guide». Das Problem, sagt Sutton, habe sich seit dem Erscheinen seines ersten Buches verstärkt, weil die Gesellschaft grundsätzlich ruppiger geworden sei.

Der subjektive Eindruck, dass man es doch sehr oft mit unangenehmen Zeitgenossen zu tun hat, im Strassenverkehr, in der Nachbarschaft und eben auch im Job, täuscht also nicht. Sutton hat eine schlichte Erklärung dafür: Die chronische Übermüdung einer 24-Stunden-Gesellschaft sorge für eine um sich greifende Rücksichtslosigkeit. Es sei im Labor sehr simpel, jemanden sehr schnell pampig werden zu lassen – dazu reichen Stress und Schlafentzug.

Das kann nicht im Interesse einer Firma sein.

«Die Zusammenarbeit im Büro, acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, bedingt einen respektvollen Umgang miteinander.» Gustav Hilpert (links) und Sion Huws am BSI Weihnachtsessen. Sie arbeiteten zusammen in einem Projekt für die Schweizerische Post.

Und doch ist es der Mehrheit der Unternehmen nach wie vor ziemlich wurst, ob ihre Mitarbeitenden charakterlich etwas taugen oder nicht. In vielen Betrieben herrscht gar immer noch die Meinung, an gewissen Positionen sei ein anständiger Charakter eine Fehlbesetzung, ja, gar gewinnabträglich. Es brauche für bestimmte Funktionen sozusagen einen Gordon Gekko, jenen Wallstreet-Banker mit der atemberaubenden Arroganz und dem gigantischen Ego, gespielt von Michael Douglas – ein Arschloch im suttonschen Sinn, durch und durch.

Der Film spielt in den 1980er-Jahren. Was heisst: Es ist schon eine Weile her. Die Macho-Kultur mag in gewissen Branchen noch als schick gelten, auch wenn sie natürlich selbst dort lächerlich ist. Weil sie wie aus der Zeit gefallen wirkt, vorgestrig, ein bisschen so wie jemand, der Schwarze immer noch als Neger bezeichnet: peinlich. Und ein Garant dafür, Karriere zu machen, ist das Nichtnettsein schon gar nicht, denn es zahlt sich längerfristig nicht aus. Man hinterlässt eine Spur von Verprellten und Verletzten, deren Unterstützung einem irgendwann, im entscheidenden Moment, fehlen wird.

Robert Sutton schreibt das in seinem Buch explizit, dass man sehr wohl Karriere machen könne, ohne ein Rüpel zu sein. Denn man sollte keinesfalls den Fehler begehen, Freundlichkeit mit Schwäche zu verwechseln. Nett für ungefährlich zu halten. Oder als Synonym für fehlende Ecken und Kanten zu interpretieren. Eine US-Untersuchung von 84 CEOs zeigte vielmehr auf, dass jene Vorgesetzten, die sich durch empathisches, umgängliches Benehmen auszeichnen, die zuhören können und sich entschuldigen, offen sind und höflich, eine fünfmal höhere Rendite erzielten als ihre herrischen Kollegen.

Denn Nettsein heisst nicht, dass man zu allem Ja und Amen sagt. Immer nur nickt. Nie widerspricht. Man kann durchaus hartnäckig seinen Standpunkt vertreten, mit Überzeugung für etwas einstehen oder einen Standpunkt vehement verteidigen. Man kann auch streiten, gar aus der Haut fahren, man kann leidenschaftlich sein und engagiert und mal aus der Rolle fallen. Trotzdem anständig zu bleiben, fair, und Grösse zu zeigen, das ist die grosse Kunst. Weil: Grob sein kann jeder und jede, das ist, um es im Sprech der Manager zu formulieren, nun wirklich keine Challenge.

«No Asshole Rule»

Fortschrittliche Firmen haben deshalb längst eine «No Asshole Rule» eingeführt. Wie zum Beispiel die führenden Spitäler der USA oder Netflix, der Sender, der das Fern- sehen mit seinen grossartig produzierten Serien revolu- tioniert hat. Dasselbe gilt für South West Airlines (die grösste Billigfluglinie der Welt) und New Zealand Airlines (2010 und 2014 zur Fluggesellschaft des Jahres gewählt). Die Regel wird offiziell natürlich nicht so genannt, aber neuen Mitarbeitenden wird bei der Vertragsunterzeichnung unmissverständlich klargemacht, dass rücksichts-loses Verhalten nicht geduldet wird, ja, dass es genauso ein Entlassungsgrund ist wie mangelhafte Leistung. Netflix-CEO Rees Hastings erklärt es ganz einfach so: «Andere Firmen mögen Grobiane tolerieren. Wir finden, dass sie einer effektiven Teamarbeit schlicht zu sehr schaden, als dass wir bereit wären, das zu tun.» Das gilt übrigens auch dann, wenn der Grobian fachlich brillant ist.

«Ein Garant dafür, Karriere zu machen, ist das Nichtnettsein schon gar nicht, denn es zahlt sich längerfristig nicht aus.»
Aline Rippstein (links) und Rahel Hunziker beim Besprechen einer Marketingkampagne.

Was hilft

Vermutlich haben die vier Grossunternehmen nicht nur die einschlägigen Studien gelesen, sondern auch verstanden: Das Beste am Nettsein ist ja, dass es nichts kostet. Es braucht dafür nicht einmal diese beliebten, wenn auch in der Regel komplett überflüssigen und überteuerten Kürsli, mit denen Arbeitnehmende mit Führungsfunktionen geplagt werden. Es geht viel günstiger, weil es für den Anfang schon reicht, sich grosszügig dreier simpler Begriffe zu bedienen: «Bitte», «Danke» und «Entschuldigung». Kleine Wörter mit einer grossen Wirkung.

Was auch hilft: hin und wieder zu lächeln. Jemandem ein Kompliment zu machen. Die Türe aufzuhalten. Einen Gefallen zu tun. Oder etwas zuliebe. Grosszügig zu sein. Solidarisch. Hilfsbereit. Humor zu beweisen. Sich selbst nicht als Zentrum des Universums zu betrachten. Also eigentlich das, was man Kindern beibringt, in der Hoffnung, sie mögen angenehme Erwachsene werden.

Es ist wirklich sehr einfach, nett zu sein. Und wenn man das ein wenig konsequent übt, sich also bemüht, freundlich oder charmant oder liebenswürdig zu sein, obschon man es im Grunde gar nicht ist, färbt das nach aussen gelebte Ver- halten irgendwann auf einen ab, und man fühlt sich dann auch so – das nennt sich Kongruenzprinzip.

All jene, die es nun nicht so mit dem Nettsein haben, denen das zu lieb ist, zu naiv anmutend, ja, die das alles für Gschpüürschmi-Zeug und Weiberkram halten – weil sie ohnehin alles Weibliche als inferior ansehen –, die können das mit dem Nettsein auch strategisch angehen, wenn sich das besser mit ihrem Selbstverständnis vereinbaren lässt. Dann heisst die Maxime: «Kill Them With Kindness». Was bedeutet: Man ist derart freundlich, dass man das Gegenüber damit in den Wahnsinn treibt. Und man wird umso freundlicher, je mehr das Gegenüber tobt.

Das erfordert ebenfalls eine gewisse Übung. Aber es macht, selbstverständlich, ungemein Spass. 

Buchempfehlung

«Nettsein heisst nicht, dass man zu allem Ja und Amen sagt.»

Robert I. Sutton hat mit seinen Büchern den Nerv der Zeit getroffen.

www.exlibris.ch/der-arschloch-faktor
Datum
Autor
Bettina Weber