Von der Wiege bis zur Wiege

Wenn das Fehlen des einen die Existenz des anderen unmöglich macht, spricht man von einem Ökosystem. Dies gilt nicht nur für die Natur, wo der Begriff ursprünglich herkommt. Auch die Architektur widmet sich spannenden Regelkreisen, die das Leben feiern.

Die Natur produziert seit Jahrmillionen völlig uneffizient, aber effektiv. Ein Kirschbaum bringt Tausende Blüten und Früchte hervor, ohne die Umwelt zu belasten. Im Gegenteil: Sobald sie zu Boden fallen, werden sie zu Nährstoffen für Tiere, Pflanzen und Boden in der Umgebung», so Prof. Dr. Michael Braungart. Der Verfahrenstechniker und Chemiker erklärt anhand dieses Beispiels die Faszination des Ökosystems Natur. Ein System des Überflusses. Keine Spur von Sparsamkeit, Enthaltsamkeit oder Reduktion, im Gegenteil: Hier ist Abfall Nahrung. Damit widerspricht er dem vielzitierten Begriff der Nachhaltigkeit, die er als «nicht besonders attraktiv und auch nicht zielführend» bezeichnet. Seine Vision ist eine andere: Er möchte Produkte und Produktionsprozesse auf diese Weise entwickeln, dass Verschwendung kein Problem mehr ist. Sie sollen komplett unschädlich sein für Mensch und Natur. Mehr noch: Der Mensch soll mit dem, was er tut, nützlich sein für andere Stoffkreisläufe.

Den menschlichen Fussabdruck zelebrieren

Zusammen mit dem Architekten William McDonough entwickelte Braungart das Cradle-to-Cradle-Designkonzept, kurz C2C: Anstelle «von der Wiege bis zur Bahre » und Weltuntergangsstimmung vermittelt Braungart die Freude am Leben und lädt ein, den menschlichen Fussabdruck zu feiern – nicht zu minimieren. Er ermuntert, unsere «Blame & Shame»-Denkweise umzukehren. Diese basiere auf unserer religiös-kalvinistischen Erziehung: Der Mensch ist schlecht, er kann maximal ein bisschen weniger schlecht sein. «Es kann nicht das Ziel sein, künftigen Generationen nicht zu schaden. Ich will nützlich sein!»

«Wir müssen Produkte und Produktionsprozesse so entwickeln, dass Verschwendung kein Problem mehr ist.»

Prof. Dr. Michael Braungart, Verfahrenstechniker und Chemiker

Nützlich sein, anstatt weniger zu schaden

Herkömmliche Ansätze befassen sich damit, die negativen Auswirkungen zu verringern. Davon will Braungart genauso wenig wissen wie vom Begriff der Nachhaltigkeit: «Nachhaltigkeit ist rückwärtsgewandt und langweilig!» Er plädiert für Öko-Effektivität: der Optimierung der positiven Auswirkungen. «Es geht nicht darum, Dinge weniger schlecht zu machen, sondern Produkte von Anfang an so zu gestalten, dass sie erst gar nicht schädlich werden!», meint Braungart. Es soll bereits bei der Produktion an das Ende der Nutzung gedacht werden, um alles verwendete Material nach Gebrauch weiterzuverwenden oder ohne schädliche Rückstände zu kompostieren. «Warum sollte nicht die Fassade eines Gebäudes oder die darin verwendete Farbe die Luft reinigen?», so Braungart.

«Es geht nicht darum, Dinge weniger schlecht zu machen, sondern Produkte von Anfang an so zu gestalten, dass sie erst gar nicht schädlich werden!»

Prof. Dr. Michael Braungart, Verfahrenstechniker und Chemiker

Architektur, die das Leben feiert

Das Leben feiern und neue Dinge leisten, die energiepositiv sind, Luft und Wasser reinigen und sich wie Bäume den Jahreszeiten anpassen – das müsse Architektur heute leisten. An der diesjährigen Biennale (28. Mai bis 27. November 2016, Venedig) präsentiert er die gesündeste Grundschule Schwedens in Ronneby, das Verwaltungsgebäude von Bionorica oder die Stadtverwaltung in Venlo.

Die Stadtverwaltung von Venlo hat echte Regelkreise - von Wassernutzung über Energiegewinnung bis zu Luftsäuberung (Grafik: Gemente Venlo)

Auch wenn diese Gebäude nicht perfekt sind, so wurden doch «die drei bis fünf wichtigsten Elemente berücksichtigt und weitere fünf bis zehn freudvolle Dinge umgesetzt». Mit Fokus auf Pragmatismus anstatt auf Perfektion werden Projekte nicht verzögert oder ganz abgeblasen und machen auch noch Spass. Doch manche Architekten würden unter dem Stockholm-Syndrom leiden: «Sie fühlen sich als Geiseln der Behörden, der Bauordnung der Bauherren und Baumanager – bester Service zum niedrigsten Preis. Laien entscheiden dann darüber, ob ein Projekt gut oder schlecht ist», so der Professor.

Die neue Stadtverwaltung in Venlo (Niederlande) wurde nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft «Cradle to Cradle» gestaltet. Das Gebäude wurde nicht nur nachhaltig – sprich «weniger schlecht» – konzipiert, sondern leistet auch einen positiven Beitrag für Mensch, Umwelt und Wirtschaft (Foto: Ton Desar, Gemeente Venlo).

Herausforderung Ökosystem

Diese schmerzliche Erfahrung machte auch Marco Steinberg, Head des Think- Tanks Snowcone & Haystack in Helsinki. 2008 war er mittendrin, als ein CO2-neutraler Stadtteil von Helsinki mit 200 Apartments, Büros und Geschäften geplant, aber nie realisiert wurde. «Es ging dabei nicht nur um Gebäudetechnologie, sondern um einen neuen Lifestyle», erinnert sich Marco Steinberg. Er und sein Team beschäftigen sich unter anderem mit designorientierten Städten. Wie Braungart vertritt er den Ansatz, Bestehendes ganz zu überdenken und nicht nur die Effizienz des Existierenden zu erhöhen. «Viele der bestehenden Öko-Projekte sind erst im Pilot-Status oder haben Schwachstellen: Entweder ist die Vision unrealistisch, die verwendeten Materialen nicht wirklich nachhaltig oder die Logik nicht bis ins letzte Detail durchdacht», sagt Marco Steinberg.

In Europa können Städte nicht von Grund auf neu geplant werden, sondern müssen mit langfristiger Perspektive in die richtige Richtung entwickelt werden. «Der gesellschaftliche Trend geht in Richtung weniger Quadratmeter, Open-Space-Gebäude und Green Buildings, also nachhaltige Architektur und Nutzung», so Marco Steinberg. Der Experte für Stadtplanung weiss, dass ein Immobilienportfolio, das diese Trends nicht berücksichtigt, künftig buchstäblich toxisch sein kann. «Der Druck des Markts steigt», sagt Marco Steinberg. Und betont gleichzeitig, dass sich solche Konzepte heute noch an keinen Referenzmodellen messen können.

«Warum sollte nicht die Fassade eines Gebäudes oder die darin verwendete Farbe die Luft reinigen?»

Prof. Dr. Michael Braungart, Verfahrenstechniker und Chemiker

Holz als Alternative zu Beton: In Wien entsteht das erste 24-stöckige, 84 Meter hohe Holzhochhaus der Welt (Foto: HoHo Wien).

Paradigmenwechsel und Rahmenbedingungen anpassen

So widerspricht der Kreislauf-Gedanke der Ökosysteme den traditionellen KPIs der Immobilienbranche und der aktuellen Investment-Logik: Die Vorinvestitionen sind höher, die Kosten für die Nutzung und Instandhaltung dafür tiefer. Smarte Isolierungen und mehrfach verglaste Fenster beispielsweise reduzieren die Grösse des Heizsystems, wodurch mehr Mietfläche zur Verfügung steht und gleichzeitig die Betriebskosten gesenkt werden.

«Auch mussten in Finnland zuerst die rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden, was beispielsweise die private und gewerbliche Nutzungsmischung und den gewerblichen Holzbau betrifft», erklärt Steinberg. Das Baurecht musste ebenfalls angepasst werden, um Holz als strategische Alternative zu Beton zu etablieren – keine einfache Aufgabe, schliesslich war Holz als Baustoff in Finnland mit vielen Vorurteilen besetzt.

Und schliesslich erfordere ein emissionsloses Wohnen und Leben auch eine Verhaltensänderung jedes Einzelnen. Diese sollte gemäss Steinberg unterstützt werden, indem Bildschirme in jedem Apartment bzw. Büro den Echtzeitverbrauch anzeigen und die Bewohner auf diese Weise sensibilisieren, sorgfältiger mit Energie umzugehen. «Die Sorglosigkeit ist häufig einer Informationslücke geschuldet», argumentiert der Vordenker.

Marktgesetze verändern

Ein Experten-Team analysierte den Stadtteil aus allen Facetten, die ein smartes Ökosystem voraussetzen: von der Energieproduktion über die Abfallentsorgung, autarke Herstellung von Nahrungsmitteln, flexible Architektur. «Mit einem solchen Projekt verändert man die Marktgesetze. Das ist sehr komplex, und man braucht einen langen Atem», so ein Zwischenfazit von Marco Steinberg.

«Mit einem solchen Projekt verändert man die Marktgesetze. Das ist sehr komplex, und man braucht einen langen Atem.»

Marco Steinberg, Gründer von Snowcone & Haystack

Trotz Expertise in jedem Segment und einem unabhängigen Fonds mit einer Langzeit-Investment-Strategie scheiterte das Projekt schliesslich an einem profanen Thema: den Renditeerwartungen der Investoren. «Die Glaubenssätze und Ideologien der CFOs basieren auf der alten Investment-Logik», sagt Marco Steinberg. Sein Learning: «In einem Ökosystem müssen alle Organismen einbezogen werden. Das Fehlen des einen macht die Existenz des anderen unmöglich. Und es braucht ein bisschen Verrücktheit, um sich in ein solches Abenteuer zu stürzen.»

Eine Stadt als Ökosystem: Masdar City

Was beiden Vordenkern in Europa nicht vergolten ist, bieten die «auf der grünen Wiese» oder vielmehr im Sand entstehenden Reisbrettstädte im Mittleren Osten. Was Sie jetzt lesen, ist nicht Öko-Science-Fiction, sondern CO2-neutrale Realität: Eine Stadt im Emirat Abu Dhabi soll für den Klimaschutz zu dem werden, was das Silicon Valley für die Hightech- und die IT-Industrie ist: Wissenschaftsstadt, globales Vorbild, pulsierendes Zentrum öko-effektiver Lebensweise.

2008 wurde im Bewusstsein der Endlichkeit ihres Hauptexportguts in der Wüste am Persischen Golf mit dem Bau der ersten Ökostadt der Welt begonnen. In diesem Jahr sollen die ersten Firmen und der Uni- Campus bezogen werden. Bis 2025 soll die Stadt Heimat für 50 000 Menschen sein. Eine neue Heimat, in der vieles anders sein wird als anderswo.

Die Stadt Masdar City in Abu Dhabi ist als Ökosystem konzipiert (Foto: Foster + Partners).

«Damit ein wirklicher Nutzen aus den Systemen gezogen werden kann, muss der Regelkreis geschlossen werden.»

Marco Steinberg, Gründer von Snowcone & Haystack

Retortenstadt als ökologisches Vorbild

Für herkömmliche Autos mit Verbrennungsmotoren herrscht Fahrverbot. Die Alternative ist das sogenannte Personal-Rapid-Transit-Netz (PRT). Die elektrische Kabinenbahn bietet Platz für sechs Personen und wird auf 1 500 verschiedene Ziele programmiert, die automatisch angesteuert werden. Kein Punkt im Stadtgebiet liegt mehr als 200 Meter von einer PRTHaltestelle entfernt.

Und auch ohne energiehungrige Klimaanlagen müssen die Bewohner von Masdar nicht schwitzen. Die Architekten Foster + Partners aus Grossbritannien setzen auf traditionelle arabische Städtebautechniken: Gebäude beschatten nicht nur die öffentlichen Wege, sondern spenden sich auch gegenseitig Schatten. Frischluftkorridore und Parkanlagen durchziehen die Bauflächen und sollen die Temperaturen im Vergleich zum nahegelegenen Abu Dhabi um 20 Grad Celsius senken. Zusätzlich wird die Kühle aus tieferen Erdschichten zur Klimatisierung genutzt.

Die strenge Nachhaltigkeitslinie der Stadt hat es zum Ziel gemacht, global ein ökologisches Vorbild zu liefern. Konsequentes Recycling und Upcycling sind dabei ebenso Programm wie die Wasserversorgung mit einer solarbetriebenen Entsalzungsanlage. Geklärtes Brauchwasser dient der Bewässerung der Gärten und Agrarflächen, und die Unternehmen und Stadtbewohner sollen vollständig durch erneuerbare Energien versorgt werden. Masdars Solarkraftwerk – das grösste der Welt mit einer Kapazität von 100 MW – liefert auch in der Bauphase genug Strom für die Retortenstadt.

Fazit: Kreislauf anstreben anstatt Auswirkungen reduzieren

Erstens: Ob Produkt, Gebäude, Stadtteil oder Stadt – ökologische Systeme sie sind im Kleinen wie im Grossen möglich. Damit ein wirklicher Nutzen aus den Systemen gezogen werden kann, müssen sie zu einem Regelkreis geschlossen werden. Auf diese Weise entsteht an deren Ende nicht unverwertbarer Abfall oder Downcycling (Cradle to Grave), sondern ein neuer Anfang (Crade to Cradle).

Zweitens: Viel hilft viel! Gemäss öko-effektivem Ansatz von Prof. Dr. Braungart sollten wir unsere Industrie so verbessern, dass natur- und umweltunterstützende Produkte und Prozesse möglich werden. Wir sollten nicht die Reduktion unseres «Fussabdrucks» anstreben, sondern wie dieser «Fussabdruck» als nie versiegende, unterstützende Quelle für natürliche Systeme errichtet werden kann.

Zu guter Letzt: Echte Innovation kann nur entstehen, wenn Bestehendes neu überdacht und nicht nur die Effizienz erhöht wird.

Michael Braungart
Marco Steinberg

 

Prof. Dr. Michael Braungart ist Verfahrenstechniker und Chemiker. Er befasst sich mit der Forschung und Beratung für ökoeffektive Produkte – also Produkte und Produktionsprozesse in einem Kreislauf, die nicht nur nicht schädlich für Mensch und Natur sind, sondern nützlich. Er ist Gründer und wissenschaftlicher Geschäftsführer von EPEA Internationale Umweltforschung GmbH sowie Mitbegründer und wissenschaftlicher Leiter von McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC) und des Hamburger Umweltinstituts e.V. (HUI). Zudem leitet er Braungart Consulting. Er übernimmt akademische Funktionen an der Rotterdam School of Management, Leuphana Universität Lüneburg, Universität Twente in Enschede und an der TU Delft. Mit Co-Autoren verfasste er mehrere Bücher zu Öko- Effektivität, z.B. «Einfach intelligent produzieren», «Die nächste industrielle Revolution: Die Cradle-to-Cradle-Community » oder «Intelligente Verschwendung – The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft ».

Marco Steinberg ist Gründer von Snowcone & Haystack. Das strategische Design Studio in Helsinki hilft Regierungen und Unternehmen dabei, sich zu innovieren und den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts aktiv zu begegnen. Darüber hinaus engagierte er sich als Dozent an der Harvard Design School, als Vorstandsvorsitzender im Museum of Finnish Architecture sowie als Vorstand der Design Driven City. Vor der Gründung von Snowcone & Haystack brachte Marco Steinberg seine Expertise als strategischer Design-Direktor bei Sitra ein, einem finnischen Innovationsfonds. In dem Zusammenhang lancierte er ein Portfolio an Initiativen, welche systematisch die akuten Bedürfnisse des öffentlichen Sektors heute und in Zukunft adressieren.