Innovation ist nie Mittelmass

Matthias Zimmermann über seine Leidenschaft für Machine Learning

In Zug, der Wiege des Crypto Valley, erblickte Matthias Zimmermann das Licht der Welt. Wenn man seine jüngsten Projekte betrachtet (Blockchain, AI und das BSI Lab), könnte man seine Geburtsstätte durchaus als Omen betrachten.

  • Was machst du mit 40 Minuten freier Zeit? Kaffee trinken, lesen, Leute beobachten
  • Was möchtest du als Nächstes lernen? Blockchain und Machine Learning vertiefen und etwas Konkretes umsetzen, bevor die nächste explorative Phase kommt
  • Möchte unbedingt mal: in den Weltraum
  • Möchte nicht: ankommen – die Frage was ich mal werden möchte, ist noch immer nicht geklärt
  • Morgenritual: genügend Zeit zum Aufwachen – und dann ein Cappuccino
Matthias Zimmermann, aufgewachsen in Zug - heute die Wiege des Blockchain Valley Schweiz

Matthias, dein Steckenpferd Machine Learning liegt derzeit voll im Trend. Du beschäftigst dich seit neun Jahren damit, hast dem Thema Masterarbeit, Dissertation und Post- Doc gewidmet. Warum ist es gerade jetzt so brandheiss?

Noch vor zehn Jahren war Machine Learning ein Spezialthema, das die meisten Leute nicht sonderlich interessierte. Akademische Fortschritte gab es zwar, für die Komplexität von «echten» Aufgaben waren die Maschinen jedoch oftmals nicht gut genug. 2012 gelang der Durchbruch: Im ImageNet-Wettbewerb wurden die Erkennungsraten mithilfe von Deep Learning massiv gesteigert. Deep Learning hat im Gebiet der künstlichen Intelligenz einen Quantensprung ausgelöst. In Kombination mit zunehmenden Mengen von Daten und besserer Rechenleistung erleben neuronale Netze mit Deep Learning heute eine Renaissance – nicht nur im Labor, auch in der richtigen Welt.

Das bereitet vielen Menschen Angst.

Das ist verständlich. Es gibt immer mehr Gebiete, in denen die Maschine den Menschen schlägt – von der Medizin bis zur Kreditvergabe. Stichwort Narrow AI: Genügend eingegrenzt und mit ausreichend rele- vanten Daten versorgt, können Maschinen diese eingeschränkten Aufgaben gleich gut oder besser erledigen als Menschen. Aber von einer generellen Form der Intelligenz sind wir noch sehr weit entfernt. Es existiert nicht einmal ein Konsens darüber, was als generelle Intelligenz gilt. Sobald die AI um zwei Ecken denken muss, steckt sie immer noch in den Kinderschuhen.

 

Liebste Bildungseinrichtung: Uni Berkeley – das war richtig gut!

Hat der Mensch der Maschine also doch etwas voraus?

Die Maschinen sind verloren, wenn das Umfeld stark von den antrainierten Beispielen abweicht. Auch sind Maschinen heute kaum in der Lage, auf Nachfragen ihre Entscheidungen zu erklären. Ein Richter kann sein Urteil auch einem Laien plausibel begründen. Das können Maschinen heute nicht leisten.

Welche Vorteile bringen sie dann?

Das liegt auf der Hand: keine Gewerkschaft, kein Mindestlohn, keine Schlafpausen. Eine Maschine braucht nur Strom und ausreichend Rechenleistung.

Welchen Einfluss hat das auf unsere Gesellschaft?

Robotics in Verbindung mit maschinellem Lernen hat eine massive Breitenwirkung auf die Gesellschaft. Man geht davon aus, dass es in 20 Jahren die Hälfte der heute üblichen Jobs nicht mehr geben wird. Die Herausforderung besteht darin, diese Transformation gut zu bewältigen. Sie wird die Qualität der industriellen Revolution erreichen und noch umfangreicher sein.

«Manchmal habe ich den Eindruck, dass das Mittelmass zu viel Beachtung findet.»

Matthias Zimmermann, BSI Business Systems Integration AG

Wie siehst du die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine in Zukunft?

Maschinen werden uns stärker in unserer täglichen Arbeit entlasten und zu besseren Entscheiden verhelfen. Sie sind neue Werkzeuge, die Menschen erfolgreicher machen.

Neugierde und Innovation bedeutet auch: kein Fokus auf kurzfristige Zahlen. Ist das schwierig in der Schweiz?

Wenn in der Schweiz jemand etwas Neues ausprobiert und scheitert, schaut man auf ihn herab. In den USA gratuliert man zur Idee und wünscht für das nächste Mal mehr Glück. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das Mittelmass zu viel Beachtung findet. Im Mittelfeld gilt man als solide und wird wertgeschätzt. Aber Innovation ist nie Mittelmass! Man muss sich ausserhalb der Box bewegen, und zwar immer! Initiativen wie das Crypto Valley von Zug bis Zürich machen Mut und beweisen, dass es auch von der Schweiz aus möglich ist, auf der Weltbühne der guten Überlegungen mitzuspielen.

Wo triffst du Gleichgesinnte, die deine Leidenschaften teilen?

In Meetup-Gruppen und im BSI Lab.

Du sprichst es an: Wir haben im Büro Zürich das BSI Lab eröffnet. Was sind deine Ziele?

Es ist gleichzeitig Ort und Programm für freies Erproben neuer Soft- und Hardware. Es geht darum, die Motivation der Leute zu fördern, die etwas machen wollen. Diese Ideen zu kanalisieren, Doppelspurig- keiten zu vermeiden und ansonsten nicht dreinzureden, sind meine Aufgaben. Das Lab soll dazu führen, dass noch mehr Ideen ausprobiert werden und zu Erkenntnissen führen, die wir intern und extern nutzen können.

Lieblings-Reiseziel: Eine Mischung aus Südamerika und Südostasien