Bin ich nett? Ein Selbstversuch.

Uwe Funk ist Softwareentwickler bei BSI – und richtig nett. Das ist nichts Neues für uns. Er selbst wollte prüfen, ob dem tatsächlich so ist – und wagte sich an einen Selbstversuch. Wie es ihm dabei ergangen ist? Lassen Sie sich überraschen!

Uwe Funk

Ich gebe zu: ich bin ein Gewohnheitstier. Ich mag gerne geregelte Abläufe. Veränderungen sind eine tolle Sache, sofern ich davon nicht berührt werde. Meine berufliche Heimat, meine innere Mitte ist unser Standort in Baden. Es heisst aber nicht, dass mich nur dort verkrieche. Selbstverständlich bin ich ab und zu beim Kunden oder an einem anderen Standort und es ist immer wieder sehr schön – aber es ist eben nicht mein Zuhause. Mitte Mai letzten Jahres besuchte ich unseren Münchner Standort für einen Tag. Ich war schon einige Male dort und kenne viele BSI-ler zumindest vom Sehen, die meisten auch mit Namen. Nach einer nervenaufreibenden Anfahrt mit schienengebundenen Verkehrsmitteln der WannaCry-geplagten Deutschen Bahn freute ich mich auf die Ankunft im Münchner Büro und auf eine Tasse Kaffee.

Überall nette Leute - warum nur? 

Ich war kaum angekommen und nippte am Coffeinum liquidum in der Kaffeeecke, da passierte etwas Wunderbares. Es kamen gabt viele BSI-ler zu mir und begrüssten mich; sie fragten, wie es mir ginge und gaben mir das Gefühl, zuhause zu sein. Es waren schöne Stunden in München. Auf der Heimfahrt am nächsten Morgen ging mir das Erlebte nicht aus dem Kopf. Alle waren so nett zu mir und ich fragte mich: Warum nur? Bin ich denn auch so nett zu den BSI-lern? Zu meinen Freunden? Zu meinen Kunden? Oder bin ich nur ein alter Griesgram?

«Nettsein zu allen vereinfacht das Leben ungemein!»

Uwe Funk prägt die BSI Kultur seit 20 Jahren

Xing und die echte Welt

Das wollte ich sofort herausfinden. In direkter, unmittelbarer sozialer Interaktion. Xing.com spannte sich im Browser quer über meinen Bildschirm. Hier hocken sie doch rum, meine seriösen Freunde! Seit dem 12. Oktober 2005 bin ich Mitglied. «Premium!», sagte ich nur und scrollte durch all meine 108 Kontakte. Ich stellte fest, dass ich eine Handvoll nicht mehr kannte und ich bin mir sicher, dass auch sie keine Ahnung mehr haben, wer ich bin. Möglicherweise waren wir nur aus Versehen «bekannt». Einmal falsch gedrückt und unversehens mehrt sich die Kontaktliste mitoseartig um ein weiteres Xing-Mitglied. Ich fragte mich, ob man so einen Kontakt einfach löschen könne und ob man dann in eine tiefe Depression stürze ob des hohen sozialen Drucks. Wenn ich einen alten Schulfreund beim Einkaufen treffe, dann sage ich doch auch nicht: «Es war eine tolle Zeit, aber ab jetzt kenne ich dich nicht mehr.» Ich wundere, was ich überhaupt bei Xing mache und warum ich mit 108 Mitgliedern vernetzt bin. Man zeigt dort ja nur, was man Tolles hat oder kann. Möglichst seriös mit sauberem Hemd und frisch gescheitelt. Gott sei Dank kenne ich die meisten Leute aus dem echten Leben – ich würde sei bei Xing nur schwer wiedererkennen. Aber ich bezahle weiter meine Premium-Mitgliedschaft, Xing freut’s.

Nein, Xing konnte mir nicht auf der Suche nach meiner Antwort helfen. Dann half nur eines: es muss jemand Reales sein und nicht das digitale Abbild einer Person.

Ich ging also raus in die Welt – eigentlich nur über die Strasse zum Bäcker. Ich sah einen Passanten, der über den Fussgängerübergang ging und sich beim wartenden Autofahrer mit einer lässigen Handbewegung bedankte – und der Autofahrer lächelte zurück. Die beiden fielen sich jetzt nicht direkt in die Arme und weinten gemeinsam die süssen Tränen der Freude, aber diese Geste ist dennoch schön anzusehen und sie ist zum Glück keine Seltenheit. In der Bäckerei grüsste mich eine Verkäuferin sehr freundlich und ich hatte das Gefühl, dass sie es auch genau so meinte - ohne mich zu kennen. Hätte sie mich auch so begrüsst, wenn sie wüsste, ich wäre ein bärbeissiger Kunde? Warum nahm sie an, dass ich kein verdriesslicher Mensch bin? Ich hätte sie fragen sollen, stattdessen deutete ich auf ein Brot in der Auslage und sagte verwirrt, dass ich gerne das rechteckige mit den grossen Körnern auf der Oberseite probieren wolle, bezahlte, verabschiedete mich und ging nach Hause. Noch beim Hinausgehen denke ich mir, wie anstrengend das doch sein muss. Die gute Frau steht bestimmt schon seit dem Morgengrauen hinter der Theke – und ist immer noch freundlich, selbst wenn ich kurz vor Ladenschluss noch reinpoltere und ein Stück Brot kaufe, wofür ich den ganzen Tag Zeit gehabt hätte. Bewundernswert.

«Ich glaube daran, dass die Menschen grundsätzlich nett sind.»

Uwe Funk, Softwareentwickler bei BSI

Beim Kunden und warum ich den Müll rausbringe

Okay, der Feldversuch in freier Wildbahn scheiterte an meinem Mut, einfach jemand Fremden zu fragen, ob ich nett sei. Ich probierte es also bei einem Kunden aus. Es war nicht so, dass ich auf ihn zuging, mich auf seinen Schoss setzte, wir uns gegenseitig die Haare kämmten und Nettigkeiten austauschten. Wir sprachen über das Tagesgeschäft. Die ewige Frage, ob ein Verhalten nun ein Fehler oder ein Änderungswunsch sei beschäftigte uns überraschend lange und wir feilschten um Fehlerklassen als stünden wir auf dem Bazar in Marrakech. In so einem Moment zu fragen, ob ich nett wäre, könnte missverstanden werden. Ich weiss nicht mehr, wie die Verhandlung ausging, aber mein Verhandlungsgeschick ist ein kümmerliches, lichtscheues Gewächs, das sich eher im Boden verkriecht als im hellen Schein von künstlichem Neonlicht in Sitzungszimmern zu erblühen. Mit ein wenig Fantasie könnte man sich einen möglichen Verhandlungsausgang schön malen. Nichtsdestoweniger bin ich immer noch gerne bei diesem Kunden und habe auch kein Hausverbot. Aber es bot sich keine günstige Gelegenheit, um zu erfragen, wie nett ich denn sei.

Darum musste eben meine Frau herhalten. Sie kennt mich und ich kann sie alles fragen. Wieder zuhause, stürzte ich mich auf sie und fragte: «Sag an, junge Frau. Bin ich nett?» Es war irgendwie klar, dass sie mich komisch ansah, mir den Vogel zeigte und danach forderte, ich möge mit dem Unsinn aufhören und besser den Müll hinausbringen. Natürlich brachte ich den Müll raus und traf bei den Containern viele Männer mit Mülltüten in der Hand.

Ich erzählte meiner Frau später von meinem Erlebnis in München. Dass ich ein schlechtes Gewissen hätte, weil ich den Kollegen eines anderen Standorts vielleicht nicht so nett begrüsste, selbst wenn ich in der Cafeteria fast über ihn stolperte. Ich fragte sie, ob ich zu ihr und zu unseren Freunden nett wäre. Ob sie sich vorstellen könne, ob ich nett zu unseren Kunden sei. «Warum unterscheidest du zwischen Freunden, Kollegen und Kunden?», fragte sie mich. Und sie bohrte weiter nach, ob ich denn zu Freunden anders nett sei als zu Kunden oder Mitarbeitern. Entstünde nettes Verhalten nicht dadurch, dass das Gegenüber nett wäre?

Das Luftschloss in dem ich wohne

Meine Frau hat so recht! Einmal mehr. Ich glaube daran, dass die Menschen grundsätzlich nett sind. Das ist mein kleines Luftschloss, an das ich mich klammere und an das ich glaube. Das Luftschloss hilft mir, dass meine Welt so herrlich einfach ist. Ich muss meine Interaktionen nicht in verschiedene Freundlichkeitsstufen einteilen – und ich muss mir daher auch nicht merken, zu wem ich sehr nett und zu wem ich nur halb nett bin. In meiner grenzenlosen Schusseligkeit brächte ich das ohnehin durcheinander und der Schlamassel daraus wäre weitreichend.

Menschen, die mich überhaupt nicht kennen, sind nett zu mir – einfach so. Sie scheinen mir eine Art Vertrauensvorschuss zu geben. Sie vertrauen darauf, ich wäre nett. Und sie vertrauen immer wieder darauf. Manchmal gerät die Wertschätzung etwas in Vergessenheit und es schleichen sich im Laufe der Zeit Unachtsamkeiten ein. Damit das nicht einreisst und man als verbitterter, sauertöpfisch dreinschauender Zeitgenosse endet, muss man nett sein. Wertschätzen, vertrauen und auch mal über Fehler hinwegsehen und genau wissen, dass man selbst nicht perfekt ist.

Ja, das Leben ist sehr einfach: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.