Ach, kennst du eine, kennst du alle!

Beim Storytelling wird meistens die Heldenreise als Plot verwendet. Fast jede Geschichte baut darauf auf. Jedes Märchen, jede Fabel, jede Folge von «The Big Bang Theory» und jeder Blockbuster aus Hollywood – egal ob Liebesschnulze oder Marvel-Verfilmung. Action oder Komödie. Drama oder Western. Das Grundelement ist immer die Heldenreise. Warum ist das so?

Weil es einprägsam ist. Es ist spannend, es ist die Art, wie sich die Menschen seit Tausenden von Jahren Geschichten am Feuer erzählen. Es gibt immer den unscheinbaren Typ mit dem Holzspeer, der bei der Mammut-Jagd fast draufgeht und am Ende mit seinem Faustkeil des Mammuts Achillessehne zersäbelt und Essen für sich und die ganze Sippe nach Hause bringt. Als Belohnung muss er dann die Tochter des Häuptlings heiraten.

Joseph Campbell veröffentlichte 1949 sein Buch «The Hero with a Thousand Faces» als Ergebnis seiner Mythenforschung. Er untersuchte mündlich weitergegebene Geschichten vieler Epochen, Kulturen, Sprachen und Religionen. Aus seinen Forschungen leitete er die fundamentalen Bestandteile einer Geschichte ab und packte sie in eine einheitliche Struktur.

Die Heldenreise besteht aus drei Akten. Normalerweise beanspruchen der erste und der dritte Akt je etwa ein Viertel der Geschichte, der zweite Akt ungefähr die Hälfte. Diese Aufteilung in drei Akten beschriebt bereits Aristoteles in «Poetik» vor knapp 2.500 Jahren und setze sich seit Syd Fields auch in Hollywood durch. Syd Fields lehrte in den 1980er Jahren an der USC School of Cinematic Arts in Los Angeles das Handwerk des Drehbuchschreibens und hielt seine Erfahrungen im «Handbuch zum Drehbuch» fest. In fast jedem Kinofilm erkennt man ganz deutlich die Feder von Fields.

Christopher Vogler, Leiter der Stoffentwicklungsabteilung bei 20th Century Fox, beschreibt 1998 in «The Writers Journey» eine universelle Struktur von Geschichten. Diese Struktur bietet heute die wohl bekannteste Vorlage für die Heldenreise. Vogler bezieht sich sehr stark auf die Forschungen von Campbell.

Erster Akt, die Exposition

Die Exposition ist dafür da, die Ausgangslage zu klären und das Publikum in die Geschichte zu führen. Hier entscheidet sich auch, ob die Geschichte überhaupt gelesen wird. Es muss schnellst möglich klargestellt werden, um was sich die Geschichte dreht. Das Publikum will wissen, wer die Hauptperson und was das Ziel ist.

Zweiter Akt, die Konfrontation

Zu Beginn des zweiten Akts kennt der Held sein Ziel, das es in der Geschichte zu erreichen gilt. Er macht sich ins Abenteuer auf, findet auf seinem Wege Verbündete und besteht Prüfung um Prüfung. Jede Prüfung ist grösser und gefährlicher als die vorangegangene. Der Held schreitet stur seinem Ziel entgegen. Er kann nicht anders, es macht ja sonst keiner. Er muss handeln. Wenn nicht er, wer sonst? Und natürlich überwindet er jede Prüfung und bekommt am Ende den Schatz, die grosse Liebe, eine tiefe Erkenntnis oder irgendeine andere Belohnung.

«Der Held wird zu einem besseren Menschen – vom Griesgram zum netten Nachbarn, vom Einzelgänger zu Teamplayer, vom überzeugten Einspänner zum liebestollen Zweispänner.»

Uwe Funk

Dritter Akt, die Auflösung

Im dritten Akt tritt der Held die Heimreise an. Und es wird klar, dass er sich durch das Abenteuer verändert hat. Er wird zu einem besseren Menschen – vom Griesgram zum netten Nachbarn, vom Einzelgänger zu Teamplayer, vom überzeugten Einspänner zum liebestollen Zweispänner. Hier wird die Brücke zum ersten Akt geschlagen und alle Fragen des Publikums sind beantwortet: der Held hat das Ziel erreicht, er hat den Feind besiegt. Gegenspieler und falsche Freunde wurden abgestraft.

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Uwe Funk